Viele Wege führen zum Traumberuf

Veröffentlicht am: 6. Juli 2021

06.07.2021

Über eine Teilqualifizierung zur Kochausbildung – Azubi Christian Szellas kocht beim Verein ‚neue arbeit‘ in Altenkirchen

Altenkirchen. „Ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen, als in einer Küche zu arbeiten“, sagt der 33-jährige Christian Szellas, der dank der Unterstützung durch das Jobcenter Westerwald in Hachenburg im August 2020 im Kochpunkt des gemeinnützigen Vereins ‚neue arbeit e.V.‘ in Altenkirchen die letzte Etappe zu seinem Berufsziel ‚Koch‘ in Angriff nehmen durfte und wie Ausbilder Thorsten Issel guter Dinger ist, die verkürzte Ausbildung Ende 2022 als Erster unter den Fittichen von Küchenchef bzw. Kochpunkt-Bereichsleiter Issel beenden zu können. Anna Stephan, Assistentin der Geschäftsleitung, hat ebenfalls wenig Zweifel, dass Szellas nach einigen Schleifen und Umwegen in seiner bisherigen beruflichen Laufbahn das Ziel auf dem seit einigen Jahren geraden Weg erreichen wird. Stephan: „Er glänzt durch Zuverlässigkeit und Hilfsbereitschaft, er wird seinen Weg auch nach seiner Zeit bei uns weitergehen.“

Christian Szellas (r.) und Ausbilder Thorsten Issel (l.) sorgen
zurzeit dafür, dass am Ende des (Arbeits-)Tages bis zu 80 warme
Essen über die Küchentheke im Kochpunkt der ’neuen arbeit‘
in Altenkirchen an die Kunden gehen. Foto: hwl

Dass Szellas erst mit 34 als junger Vater eines dann dreijährigen Sohnes den Gesellenbrief als Koch in Händen haben wird, hat nach eigener Einschätzung maßgeblich damit zu tun, dass ihm nach seinem Schulabschluss in Ahrweiler „Mut und Selbstvertrauen fehlten, um mich schon damals nach einigen Praktika in Küchen, in Hotels und in der Gastronomie für diesen Wunschberuf zu entscheiden“. Szellas: „Es gab niemand, der mir damals gesagt hat: Das schaffst du! Also bin ich in einem anderen Beruf gelandet.“ Seine zweite Wahl war das Maler-Handwerk, dessen Kehrseite er aber schon früh zu spüren bekam, als ihn 2010 ein Unfall um Abschluss, Beruf, Arbeitsplatz und eine berufliche Perspektive brachte.

Szellas: „Über Helfermaßnahme-Tätigkeiten und Praktika bin ich danach nicht mehr hinausgekommen, bis ich ab 2019 mit Unterstützung vom Jobcenter Westerwald über Maßnahmen Anfang 2020 in der Teilqualifizierung (TQ) im Gastgewerbe beim Träger neue arbeit e.V. gelandet bin. Diese TQ hat mir meine Perspektive aufgezeigt, bei der ich wusste: „Das ist meine letzte große Chance, irgendwann als Koch mit Gesellenbrief und dem nötigen Selbstvertrauen in einer Küche zu stehen und verantwortlich zu arbeiten.“ Der behutsam gewählte und durch das Jobcenter Westerwald eng begleitete Weg verhalf Szellas den Erwerb des Führerscheins Klasse B – und dann einen Platz in der Küche der ‚neuen arbeit‘ in Altenkirchen, wo er unter Thorsten Issel im Schnellverfahren die TQ-Module zur Fachkraft im Gastgewerbe hinter sich brachte, um trotz Corona-bedingter Einschränkungen im August 2020 in seine Ausbildung gehen zu können. Stephan: „In diesen Teilqualifizierungen ist vor allem Eigeninitiative gefragt, wenn man die Chance auf einen Ausbildungsplatz verbessern möchte. Er hat sie genutzt.“ Issel: „Wer schon vor einer Ausbildung einen Salat-Teller, ein Puten-Curry mit Reis und ein Stracciatella-Dessert so hinbekommt wie Christian bei seinem praktischen TQ-Abschluss, der hat beruflich seinen Platz in einer Küche gefunden. Ich hoffe und gehe davon aus, dass er in seinem beruflichen Leben nach seiner Ausbildung bei uns noch viele andere Küchen kennenlernen wird, um seinen eigenen Weg zu finden und fortzusetzen. Das ist im Ausbildungsbetrieb nicht möglich und bei dem breiten beruflichen Spektrum, das einem Koch geboten wird, auch nicht zu empfehlen.“

Schon bis dahin, geplant ist ab Oktober, wird Issel sechs Monate auf den zurzeit einzigen angehenden Koch in seinem derzeit neunköpfigen Küchenteam, das aus dem Chef, zwei Helferinnen/Helfern, drei Fachpraktikant/innen, einem Koch in Ausbildung und zwei angehenden Hauswirtschafterinnen besteht, verzichten müssen. Denn selbst in einer verkürzten Ausbildung ist ein sechsmonatiges Praktikum außerhalb des Ausbildungsbetriebs Pflicht. Das bedeutet u.a. für Szellas, dass er sich ab Oktober oder November (Stephan: „Wann und wie die Gastronomen wieder zur Normalität nach Corona zurückkehren können, ist nicht absehbar.“) vorerst für sechs Monate auf weniger angenehme Arbeitszeiten als in Altenkirchen einzustellen hat. Issel: „Mit einem festen Arbeitsbeginn um 7.30 Uhr, fünf Schultagen pro Monat an der BBS in Betzdorf-Kirchen und Wochenend-Diensten, die für uns derzeit absehbar nur im Zwei-Schicht-Betrieb als Kiosk-Pächter im Waldschwimmbad in Hamm anfallen, können wir unseren Auszubildenden Arbeitszeiten und feste Strukturen anbieten, wie sie in der Gastronomie nie üblich waren und auch nach den schwierigen Corona-Zeiten nicht üblich werden können.“

Szellas: „Es ist grundsätzlich super, dass es hier Ausbildungsstellen mit derart geregelten Arbeitszeiten gibt, die es möglich machen, Auszubildende langsam an einen Beruf heranzuführen. Aus den vergangenen zehn Jahren weiß ich aber auch, dass das für Menschen, die in einer Küche arbeiten, nicht der Normalfall ist. Ich freue mich trotzdem aufs Praktikum, in dem es nach Corona hoffentlich wieder einigermaßen normal zugehen wird – mit richtig viel Arbeit in der Küche.“

Autor: hwl