neue arbeit Altenkirchen - Westerwald

Privat-Vermieter mit Herz sind selten geworden

Veröffentlicht am: 16. Februar 2022

BG-Coaching des Vereins „neue arbeit e.V.“ in Altenkirchen kann den 30 Bedarfsgemeinschaften bei der Wohnungssuche nur bedingt helfen

Altenkirchen. „Zwei Jahre Corona waren wie ein Brennglas, das lange bestehende soziale Probleme, Armutsprobleme, Ungleichheit und Missstände verstärkt hat. Neu sind die Probleme für uns und für die Betroffenen nicht. Aber sie sind schlimmer geworden.“ Das sagt Nadine Manz, die seit Januar 2021 zum vierten Mal seit 2018 das Projekt BG-Coaching (Anm.: Bedarfsgemeinschaftscoaching) des gemeinnützigen Vereins ‚neue arbeit e.V.‘ vom Standort Frankfurter Straße 3 in Altenkirchen aus leitet und sich mit Manuel Jakobsen-Urwald auf den vom ESF (Europäischer Sozialfonds), vom Land Rheinland-Pfalz und vom Jobcenter Altenkirchen maximal 30 geförderten BG-Coaching-Plätzen um Alleinstehende, Familien und/oder deren Angehörige kümmert.

Was sich hinter dem sperrigen Begriff dieser 30 ‚Langzeitleistungsbeziehenden nach SGB 2‘ und deren Bedarfsgemeinschaften oder Familien an Einzelschicksalen verbirgt, lässt sich nur erahnen. Denn, so Manz: „Viel dürfen und werden wir zu unserer Arbeit nicht sagen, auch wenn wir als ein Projekt, in dem wir die Betroffenen wenigstens einmal die Woche aufsuchen, mehr Einsicht in die Lebenswirklichkeit unserer Kunden haben als andere.“

Solche Vier-Augen-Momente sind den BG-Coaches Nadine
Manz und Manuel Jakobsen-Urwald selten vergönnt, weil sie
als Einzelkämpfer an vier Tagen die Woche 30 Anlaufstellen
im gesamten Kreis Altenkirchen zu bewältigen haben und
ihnen nur ein gemeinsamer Bürotag zur Verfügung steht.

Fakt ist: Es gibt 30 Projektplätze die von den zwei Coaches begleitet werden. Beraten und unterstützt haben Manz und Jakobsen-Urwald im vergangenen Jahr in der bis Ende Juni 2022 laufenden Förderperiode bereits fast 150 Kinder oder Erwachsene der durch das Jobcenter des Kreises Altenkirchen zugewiesenen Bedarfsgemeinschaften zwischen Willroth und Emmerzhausen.  Manz: „Um individuell helfen und unterstützen zu können, um vertrauensvoll die oft zitierte Hilfe zur Selbsthilfe anzustoßen und den enorm wichtigen Kontakt zu pflegen, suchen wir alle 30 Bedarfsgemeinschaften einmal die Woche in deren privatem Umfeld auf und vertiefen das Coaching mit einem wöchentlichen Telefonat. Das haben wir auch in den vergangenen zwei Jahren so gehalten, trotz der Corona-bedingten Einschränkungen. Wir sind fast immer rausgefahren.“

Wie sieht die Unterstützung vor Ort aus, wo drückt der Schuh zurzeit besonders? Manz: „Obwohl wir wissen, wo im Coaching individuell die Handlungsbedarfe bestehen, sind es unabhängig von Corona oft die gleichen Probleme, die Menschen in Armut besonders hart treffen. Sie sind von diesen Menschen allein nicht zu bewältigen und machen damit auch uns arg zu schaffen. Ich denke hier vor allem an die Wohnungsnot oder die mittlerweile selbst im Kreis Altenkirchen für Leistungsbezieher nahezu aussichtlose Suche nach einer angemessenen Wohnung, die über 90% der  Bedarfsgemeinschaften, die wir zurzeit unterstützen, betroffen und zu schaffen macht.“

Jakobsen-Urwald: „Wohnraum, auch im Kreis Altenkirchen, ist knapp und teuer geworden, wobei die Suche für alle und nicht nur für Arme zum Geduldsspiel geworden ist. Unsere Bedarfsgemeinschaften sind aber spätestens dann im Rennen um eine der wenigen bezahlbaren, in Frage kommenden Wohnungen außen vor, wenn die obligatorische Mietbescheinigung ins Spiel kommt und wenn sie sich als Leistungsbezieher vom Jobcenter  zu erkennen geben müssen, auch wenn eine solche Stigmatisierung mit Menschenwürde ebenso wenig zu tun hat wie die aktuelle Wohnsituation der meisten unserer Bedarfsgemeinschaften.“ Manz: „Privat-Vermieter mit Herz sind in unserem Kreis selten geworden, wobei unseren Teilnehmenden und ihren Familien  schon helfen würde, überhaupt eine Chance bei einem Privat-Vermieter ohne Vorurteile zu bekommen. Was wir als Coaches zur Selbsthilfe beitragen können und dürfen, um die oft erschreckenden, demütigenden und sicherlich auch für die Gesundheit nicht förderlichen Wohnsituationen zu ändern, bleibt aber darauf beschränkt, die Betroffenen zu bestärken, mit der Suche und dem Bemühen um eine Verbesserung weiterzumachen – ohne zu verzweifeln. Das allein ist für uns schon denkbar schwierig, denn die Wohnsituation, die zurzeit nur für ganz wenige einigermaßen befriedigend ist, weil sie von ihrer Grundsicherung noch etwas auf die Miete drauflegen, ist bei den Menschen nur eins von vielen Problemen, über die wir uns Woche für Woche mit ihnen austauschen, damit sie auf Dauer nicht resignieren und ganz vergessen werden.“

Das Projekt BG-Coaching wird durch das Ministerium für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung Rheinland-Pfalz aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und durch das Jobcenter im Kreis Altenkirchen gefördert.

Foto:   hwl

Autor: hwl