Nur die Kontaktpflege schafft Vertrauen

Veröffentlicht am: 16. Juni 2021

30 über 50-jährige Langzeit-Arbeitslose nutzen das neue-arbeit-Bildungsangebot ‚Ü50-bewegt!‘ in Wissen

Wissen. Halbzeit: Für 30 ältere Langzeit-Arbeitslose jenseits der 50 und den bis zur vergangenen Woche seit Mitte März standortgebundenen Betreuerstab in der Schulstraße in Wissen haben sich seit Anfang November bei der dritten Auflage des 12-monatigen Bildungsangebots ‚Ü50 – bewegt!‘ des gemeinnützigen Vereins ‚neue arbeit e.V.‘ mit Sitz in Altenkirchen durch die Pandemie-bedingte Kontaktsperre die gemeinsam abgesteckten Arbeits- bzw. Betreuungsschwerpunkte ebenso verändert wie die im Herbst gemeinsam gesteckten Etappenziele. Aber: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Der Bereichsverantwortliche Vinzenz Jung ist guter Dinge, in der zweiten Hälfte noch das eine oder andere Versäumte oder zeitlich Verschobene nachholen zu können, um die Vermittlungschancen der Kunden auf einem auch schon vor Corona für ältere Arbeitssuchende schwierigen Arbeitsmarkt verbessern zu können.

Jung: „Unsere Erfahrung ist, dass in der Pandemie das Alter noch zu einem größeren Vermittlungshemmnis geworden ist. Umso wichtiger ist, dass wir die Zeiten ohne direkte Kontakte, in denen alle bedauern, dass sie nicht hier mit anderen zusammen und unter unserer Anleitung lernen und arbeiten können, nutzen, um andere Hemmnisse und Hindernisse, die unabhängig von den sehr unterschiedlichen Lebenssituationen grundsätzlich eine Vermittlung schwierig machen, abzubauen.“ Welche sind das? „Die Monate ohne direkten Kontakt haben gezeigt, wie wichtig der Umgang mit den digitalen Medien ist. Aus der Not heraus haben wir deshalb den Schwerpunkt unserer Arbeit seit Mitte März, in dem auch  hausintern die Kontakte der neue-arbeit-Mitarbeiter untereinander durch eine fixe Beschränkung auf nur noch einen Standort auf ein Minimum reduziert worden sind, darauf gelegt, möglichst viele möglichst schnell in die Lage zu versetzen, mit uns regelmäßig telefonisch oder per E-Mail in Kontakt zu bleiben oder über Videokonferenzen auf unsere Schulungsplattform naServ Hilfestellungen zu bekommen, um sich die Unterrichtseinheiten auch ohne Präsenz bzw. Teilpräsenz (Hybrid-Unterricht) erarbeiten zu können.“

Wie sieht heute der Alltag aus? „Heute sind wir in der Lage, uns mit bis zu zehn Leuten, die im Umgang mit den neuen Medien viel gelernt haben, regelmäßig in Videokonferenzen, in denen wir uns zweimal die Woche in einem größeren Kreis sprechen und sehen können, auszutauschen. Das ist keine schlechte Quote, wenn man bedenkt, dass wir bei Weitem nicht alle mit einem Tablet der ‚neuen arbeit‘  versorgen können, weil selbst eine Einweisung an den Geräten zu einem Klimmzug für alle wird. Einige Teilnehmende verfügen zu Hause über keinen Internet- bzw. WLAN-Zugang.“

Mag eine regelmäßige sozialpädagogische Begleitung durch Petra Wilhelm („Es ist schön zu spüren, wie viele in dieser Pandemie-Zeit auf unsere regelmäßigen Anrufe geradezu warten.“) auch ohne Vier-Augen-Gespräche bzw. allein per Telefon noch reibungslos möglich sein, so wird eine praktische Anleitung, wie sie zum Beispiel Tischler Harald Rasch üblicherweise in der hauseigenen Werkstatt in der Schulstraße in Wissen gibt, in kontaktlosen Zeiten zum Drahtseil-Akt.

Für Vinzenz Jung (l.)  und Harald Rasch (r.) waren
Handy und PC in den vergangenen Monaten die
wichtigsten Arbeitsgeräte. Die Chance, dass sich das in der
Schulstraße in Wissen bis zum Ende des Projekts
‚Ü50 – bewegt!‘ ändern wird, ist aber gut.
Foto: hwl

Beispiele gefällig? Die Anleiter mussten zuletzt die Aufgaben/Anleitungen, Materialien und Werkzeuge für das Basteln einer Marionette oder eines Klangspiels per Post an einige Teilnehmende verschicken, um Wochen später die Ergebnisse dieser kreativen Arbeiten aus dem ‚Home-Workshop‘ wenigstens in Form eines Foto-Beweises dokumentiert zu bekommen. Rasch: „Trotz der Einschränkungen ist das Feedback auf unsere im Praxis-Bereich speziellen Angebote positiv, weil alle dankbar sind, in diesen Zeiten überhaupt einen Platz in der Maßnahme zu haben. Denn damit wird ihnen das Gefühl gegeben, nicht vergessen zu sein und ernst genommen zu werden. Ohne die Verbindung zu uns hätten viele gar keinen Kontakt nach draußen.“

Das sieht auch Jung so: „Der Kontakt ist das A und O unserer Arbeit. Reißt er ab, ist das für uns eine der wenigen Notsituationen, in denen wir die Teilnehmenden der Maßnahme auch mal zu Hause aufsuchen müssen. Auch wenn sich dann nur herausstellt, dass in Pandemie-Zeiten Kleinigkeiten große Auswirkungen haben können, weil nur das Handy nicht funktioniert. Wir hoffen für uns und die 30 Teilnehmenden, von denen ich sieben, die im Laufe der Monate einen der frei gewordenen Plätze bekommen haben, in natura noch nicht kennengelernt habe, möglichst unbeschadet aus der dritten Welle herauszukommen.“

Was heißt unbeschadet? „Unbeschadet bedeutet für mich, dass sich die 30 Teilnehmer das für einen Erfolg unseres Bildungsangebots nötige Vertrauen zu uns, zu den Mitarbeitern der Jobcenter und den Zuständigen beim Land während der langen Kontaktsperre bewahrt haben. Wenn das so ist, lassen sich gemeinsam neue Ziele festmachen, die einzelnen Lebenssituationen neu analysieren und damit bis zum 31. Oktober die nächsten Hindernisse auf dem Weg zu einem neuen Arbeitsplatz abbauen.  Auch in Pandemie-Zeiten werden wir in dieser Maßnahme nicht davon abrücken, mehr Teilnehmer-orientiert als Projekt-orientiert zu denken.“

 

Das neue-arbeit-Bildungsangebot ‚Ü50-bewegt!‘ wird durch das Land Rheinland-Pfalz (Ministerium für Soziales, Arbeit, Transformation und Digitalisierung) und die Jobcenter im Kreis Altenkirchen (Altenkirchen, Betzdorf, Wissen) gefördert.

Autor: hwl